Ocotelulco war eines der vier führenden vorspanischen Herrschaftsgebiete von Tlaxcallan. Die kleine archäologische Stätte in San Francisco Ocotelulco bei Tlaxcala de Xicohténcatl bewahrt einen Zeremonialraum mit einem bemalten Altar und einer ebenfalls bemalten Steinbank. Ein angeschlossenes Museum erläutert das Alltagsleben, die Religion und die Veränderungen während der frühen Kolonialzeit.
Geschichte von Ocotelulco
Besiedlung und historische Entwicklung
Der Name Ocotelulco stammt aus dem Nahuatl. Das INAH nennt mehrere Deutungen, darunter „auf der Anhöhe der Kiefer“ und „am Ort der kleinen Ocote-Kugeln“. Der Franziskaner Toribio de Benavente, übersetzte ihn sinngemäß als „im Viertel der Kiefer“. Ocote bezeichnet harzreiche Kiefern beziehungsweise deren Holz.
Die Entstehung Ocotelulcos wird vom INAH um das 12. Jahrhundert datiert. Nach der historischen Überlieferung gründeten teochichimekische Gruppen den Ort. Die erhaltenen archäologischen Befunde gehören vor allem zur späten Postklassik, also den letzten Jahrhunderten vor der spanischen Eroberung, etwa 1200–1521 n. Chr.
Zusammen mit Tepeticpac, Tizatlán und Quiahuiztlan bildete Ocotelulco den Kern des tlaxcaltekischen Herrschaftsverbands. Frühe koloniale Berichte beschreiben Tempel, Adelssitze, Straßen und einen großen Markt. Die damalige Siedlung erstreckte sich über Flächen, die heute unter San Francisco Ocotelulco und benachbarten Orten liegen.
Bei der Ankunft Hernán Cortés’ 1519 herrschte Maxixcatzin über Ocotelulco. Er setzte sich für ein Bündnis mit den Spaniern ein. In den folgenden Jahren wurde Ocotelulco auch zu einem frühen Standort der franziskanischen Missionierung. Die Ordensbrüder nutzten zeitweise den Palast Maxixcatzins als Unterkunft und Wirkungsstätte.
Entdeckung, Ausgrabungen und Erforschung
Die systematischen Ausgrabungen begannen 1990 unter Leitung des Archäologen José Eduardo Contreras Martínez. Auf den Terrassen nördlich der Dorfkirche wurden die Reste eines kleinen Tempels mit mehreren übereinanderliegenden Bauphasen untersucht. Weitere Grabungen lieferten Keramik und andere Zeugnisse des Alltags- und Rituallebens. Die archäologische Stätte wurde im Dezember 1997 für Besucher geöffnet.
Da große Teile des alten Ocotelulco unter der heutigen Bebauung liegen, ist nur ein kleiner Ausschnitt der einstigen Siedlung freigelegt. Die Funde sind dennoch besonders aufschlussreich für die religiöse Bildsprache der Tlaxcalteken und deren Beziehungen zu anderen Regionen Mesoamerikas.
Bedeutende Bauwerke und archäologische Funde
Tempel und Bauphasen
Der untersuchte Tempel, auf Nahuatl Teocalli, entstand in drei aufeinanderfolgenden Bauphasen. Zur ältesten Phase gehört ein kleiner Zeremonialraum mit sorgfältig geglättetem Stuckboden. An seiner Rückseite befinden sich eine bemalte Bank und ein mittig daran anschließender Altar. Spätere Überbauungen schlossen diesen älteren Raum ein.
Aus der zweiten Bauphase blieb eine verputzte Treppe erhalten. Eine weitere Treppe gehört zur dritten Phase. Sie wurde im Zuge der spanischen Eroberung weitgehend zerstört. Die Überlagerungen zeigen, wie der Tempel wiederholt erweitert und umgestaltet wurde.
Bemalter Altar und Steinbank
Der zentrale Altar besitzt die Form eines trapezförmigen Prismas und ist auf drei Seiten bemalt. Zu den Motiven gehören Feuerschlangen, sogenannte Xiuhcóatl, sowie eine komplexe Szene mit Opfermessern und einem Feuerbecken. Darin erscheint eine Gestalt, die als Erscheinungsform Tezcatlipocas gedeutet wird. Die Darstellung greift Vorstellungen von Feuer und ritueller Opferung auf.
Die etwa 47 cm hohe Bank trägt Darstellungen von Schädeln, Affen, Herzen und kreisförmigen Zeichen. Gemeinsam gehören Altar und Bank zu den bedeutenden erhaltenen Beispielen spätvorspanischer Malerei in Tlaxcala.
Keramik und weitere Funde
Besonders charakteristisch ist die mehrfarbig bemalte Keramik im sogenannten Codex-Stil. Ihre Figuren und Symbole weisen Ähnlichkeiten mit der Bildsprache vorspanischer Bilderhandschriften wie dem Codex Borgia auf. Ein herausragender Fund ist eine dreifüßige Schale mit jaguarkopfförmigen Füßen und einer Darstellung Tezcatlipocas auf der Innenseite.
Zu den archäologischen Funden gehören außerdem Stein- und Tonfiguren, Geschossspitzen aus Obsidian, Knochennadeln und Spinnwirtel sowie Bestattungsbeigaben.
Museum der archäologischen Stätte
Museo de Sitio de Ocotelulco
Das Museum wurde 1991 eingerichtet und gehört zum Museumsnetzwerk des Nationalen Instituts für Anthropologie und Geschichte (INAH). Es besitzt zwei Ausstellungsräume. Die Sammlung umfasst rund 750 Objekte aus den Ausgrabungen von Ocotelulco.
Das Gebäude mit kräftigen Steinmauern und Ziegeldach greift regionale Bauformen auf. Seine Außenwände sind mit Motiven aus der vorspanischen Malerei und Keramik Ocotelulcos gestaltet.
Die Ausstellung gliedert sich in drei Themenbereiche:
Alltagsleben: Keramik sowie Geräte aus Stein und Knochen erläutern das Alltagsleben der vorspanischen Bevölkerung.
Vorspanische Religion: Bemalte Gefäße, Skulpturen und Darstellungen der Wandmalereien veranschaulichen die Götterwelt und religiösen Zeremonien. Einen Schwerpunkt bilden kriegerische Motive und Opferhandlungen.
Kolonialzeit: Dieser Bereich behandelt die Eroberung, die Christianisierung und die spanische Kolonialherrschaft. Gezeigt werden unter anderem Kupferobjekte, Tonfiguren, Schmuckstücke und Keramik sowie Fotografien von Bestattungen und religiösen Darstellungen.
Besuch und praktische Informationen
Adresse
Zona Arqueológica de Tizatlán
Avenida Grecia 97,
CP 90160 San Francisco Ocotelulco, Tlaxcala
Öffnungszeiten
Montag bis Freitag: 10:00 Uhr – 14:00 Uhr
Letzter Einlass: 13:30 Uhr
Samstag und Sonntag: nur nach Vereinbarung über das INAH-Zentrum Tlaxcala
Eintritt
Erwachsene international: 145 MXN
Erwachsene national und Ausländer mit Wohnsitz in Mexiko: 80 MXN
Im Eintrittspreis enthalten sind die Besichtigung der archäologischen Stätte und des Museums.
Hinweise: Für den Rundgang empfehlen sich festes Schuhwerk, Sonnenschutz und Trinkwasser mitzubringen.
Besuch und Führungen
Individueller Besuch: Für einen individuellen Rundgang durch die archäologische Stätte und einen Besuch des Museums kann man etwa 45–60 Minuten einplanen.
Führungen: Geführte Rundgänge können direkt vor Ort gebucht werden, sofern ein INAH-Guide anwesen ist. Die Tour ist im Eintrittspreis enthalten.
Besucherzahlen der archäologischen Stätte
Die folgende Übersicht zeigt die vom INAH veröffentlichten Besucherzahlen seit 2017.
Linkhinweise und Quellen
Informationen zur archäologischen Stätte
INAH (Instituto Nacional de Antropología e Historia)
Offizielle Informationen zur Geschichte, zu den freigelegten Strukturen sowie praktische Hinweise zum Besuch.
[Englisch] | [Spanisch]
SIC México (Sistema de Información Cultural)
Kurzüberblick mit Basisdaten und administrativen Angaben zur archäologischen Zone.
[Spanisch]
Wikipedia
Überblick zu Geschichte, Architektur und Forschung.
[Englisch] | [Spanisch]
Informationen zum Museum
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